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Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen

Warum greift jemand zu einem Suchtmittel?

aus Hoffnung auf etwas Angenehmes
aus Furcht vor etwas Unangenehmen
oder aus einer Mischung von beidem


Wann beginnt ein problematischer Konsum?

Wenn Sie bei ihrem Angehörigen folgende problematischen Verhaltensweisen beobachten:

  • wenn die positiv erlebte Wirkung gezielt gesucht wird
  • wenn der Konsum täglich erfolgt
  • wenn sich die Menge steigert

Nicht jeder Mensch, der regelmäßig etwas konsumiert, wird zwangsläufig abhängig. Vielmehr bestimmen viele Faktoren, ob eine Abhängigkeit entsteht. Hierzu zählen zum Beispiel die Persönlichkeit eines Menschen, aber auch eine genetische Veranlagung, persönliche Probleme und das soziale Umfeld.


Ab wann ist es eine richtige Abhängigkeit?

Dafür gibt es die international gültigen Kriterien für Abhängigkeit. Mindestens drei dieser Kriterien müssen erfüllt sein.

Litt ihr Angehöriger während der letzten 12 Monate wiederholt unter:

1. Craving (starkem Verlangen oder einer Art Zwang, zu konsumieren). Gab es Phasen in denen unbedingt konsumiert werden musste?
2. Kontrollverlust bezüglich Beginn oder Menge. Wird der Zeitpunkt verpasst aufzuhören, obwohl es die Person es sich fest vorgenommen hat?
3. körperlichem Entzugssyndrom bei Reduzierung der Menge. Hilft das Suchtmittel gegen morgendliche Kopfschmerzen, Zittern oder Übelkeit?
4. Toleranzentwicklung gegenüber der Wirkung. Verträgt die Person mehr als früher?
5. Einengung auf das Konsumieren und dadurch Vernachlässigung anderer Interessen. Konsumiert die Person lieber zuhause als mit anderen etwas zu unternehmen?
6. Anhaltender Konsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen (gesundheitlich, psychisch oder sozial). Hat der Hausarzt schon alarmierende Blutwerte festgestellt?

Entzugserscheinungen

Die Symptome treten auf, wenn die Droge fehlt. Bei fortgeführter Abstinenz klingen die Entzugserscheinungen innerhalb einer Woche ab.
Als Entzugserscheinungen treten zum Beispiel folgende Symptome auf:

  • Schweißausbrüche
  • Zittern
  • Krampfanfälle
  • Schlafstörungen
  • Unruhe und Gereiztheit
  • Angstzustände
  • Depressive Verstimmungen bis hin zu Selbstmordgedanken
  • Blutdruckanstieg
  • Zudem kann ein Alkoholdelir (Delirium tremens) auftreten, bei dem beispielsweise Symptome wie Halluzinationen, starke Ängste, Desorientiertheit, Verwirrtheit, Zittern oder Schwitzen im Vordergrund stehen.


Therapie

Suchtmittelabhängigkeit bedarf einer langen Therapie. Der erste Schritt ist besonders schwer, aber auch besonders wichtig: Viele Abhängige wollen zunächst nicht wahrhaben, dass sie ein Problem haben und eine Therapie benötigen. Sie können es sich meist erst spät eingestehen. Zudem schämen sich manche Menschen für ihre Abhängigkeit, oder sie haben Angst, die Droge zu verlieren. Entsprechend lang dauert es oft, bis ein Abhängiger Hilfe bekommt und annimmt. Voraussetzung für jede Therapie ist, dass der Betroffene wirklich bereit ist, abstinent zu werden.
Als erste Anlaufstelle kann beispielsweise der Hausarzt dienen, aber auch eine Beratungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe.
Bei Abhängigkeit ist eine fachkundige Therapie jedoch unumgänglich. Nur kleiner Teil der schafft es – mit Unterstützung von nahestehenden Menschen – ohne professionelle Hilfe abstinent zu werden. Ziel der Therapie ist es, lebenslang abstinent zu bleiben.


Suchtgedächtnis

Einmal entstanden kann man Alkoholismus ohne professionelle Hilfe nur schwer überwinden. Grund ist insbesondere das Suchtgedächtnis. Wer jahrelang Alkohol konsumiert, aktiviert im Gehirn regelmäßig das Belohnungssystem. Botenstoffe wie Dopamin und Endorphine werden ausgeschüttet und verhelfen zu einem Glücksgefühl. Das Belohnungssystem lernt, dass die Droge Alkohol zu – wenn auch nur vorübergehendem – Wohlbefinden führt. Alkohol hat also eine belohnende Wirkung.
Forscher haben durch Kernspin-Aufnahmen nachgewiesen, dass der übermäßige Konsum von Alkohol Gehirnstrukturen in evolutionär sehr “alten” Hirnarealen ändert und damit die Sucht-Muster physiologisch sehr fest verankert. Deren Aktivierung erfolgt später nicht nur beim “Genuss” von Alkohol, sondern bereits durch individuell typische Trinkanlässe oder sogar durch den virtuellen Anblick eines “leckeren Biers” in einem Werbespot.
Moderne Verhaltenstherapien für Alkoholkranke setzen – teilweise mit medikamentöser Unterstützung – an der Unterbrechung solcher neurophysiologischen Mechanismen an. Im Kern geht es dabei um die physiologische “Löschung” des Sucht-”Programms” sowie das psychische Training eines erfüllten Lebens ohne Alkohol.


Kontrolliertes Trinken

= ein Versuch des Betroffenen, die Kontrolle über sein Trinken wiederzugewinnen und den Alkoholkonsum zu reduzieren. Da hier nicht Abstinenz das Ziel ist, erscheint dieses Angebot zunächst für viele verlockend.


Prinzipien:

  • Grundwissen über Alkohol aneignen
  • Trinkverhalten systematisch protokollieren
  • Trinkziele definieren
  • Kontrollstrategien festlegen
  • Alternativen zum Trinken entwickeln
  • Rückschläge einkalkulieren

„Kontrolliertes Trinken" bei Alkoholabhängigkeit hat selten Erfolg, sondern führt oft zu einem Rückfall. Die Mehrheit der Suchttherapeuten geht davon aus, dass kontrolliertes Trinken für einen Alkoholabhängigen überhaupt nie mehr möglich ist. Bei schwer Abhängigen ist es auf jeden Fall nicht angeraten, da kann nur dauerhafte Abstinenz das Ziel sein. Jedoch ist jeder Versuch des Abhängigen sein Trinkverhalten zu verändern als positiv zu werten. Heutzutage gibt es jedoch viele individuelle Möglichkeiten, einen Entzug zu machen. Alkoholismus ist eine Krankheit, deren Therapie von den Krankenkassen bezahlt wird.


Co-Abhängigkeit

= Verhaltensweisen, die Abhängigkeit langfristig aufrecht erhalten. Vermeintliche Hilfe für den Angehörigen, mit der negative Folgen der Abhängigkeit gemildert, Schmerzen möglichst erspart bleiben und das „Funktionieren“ im Alltag erhalten bleiben sollen. Langfristig führt das aber dazu, dass der Betroffene abhängiges Verhalten nicht ändern muss, da der Anstoß zur Veränderung ausbleibt (ohne negative Konsequenzen sieht er keinen Grund, etwas ändern zu müssen).

Auch Lügen für Versäumnisse, die im Rausch entstanden sind, Hilfe bei Kater oder Entzugserscheinungen, Wegräumen leerer Flaschen etc. bis hin zu Beschaffung des Suchtmittel halten die Anhängigkeit langfristig aufrecht.


Vermeidung von Co-Abhängigkeit:

Durch ein besseres Verständnis der Abhängigkeit (Kenntnis der aufrechterhaltenden Faktoren), Wahrnehmung der eigenen Gefühle, Impulse und Grenzen, offenes Gespräch mit Betroffenen und das Annehmen der Hilfe von Außenstehenden.


Verhalten bei Rückfällen & Verdacht

Häufig versuchen Angehörige (heimlich) Betroffenen zu kontrollieren, den Konsum zu überwachen oder zu unterbinden, indem sie beispielsweise alte Verstecke durchsuchen, Alkoholfahne oder Pupillenreaktion überprüfen, bis hin zu Atemalkohol-Messung oder Drogenschnelltests
Aber Achtung! Die Beziehung leidet darunter, Betroffene fühlen sich nicht verstanden und spüren fehlendes Vertrauen, häufige Missverständnisse und falsche Unterstellungen.


Empfehlungen für den Alltag mit einem Suchtpatienten:

Möglichst viel Kontrolle an professioneller Helfer abgeben (z.B. Hausarzt, Suchtfachambulanz, Selbsthilfegruppe)
In Abstinenzphasen Konsequenzen für erneuten Rückfall besprechen und festhalten
Bei drohendem oder tatsächlichem Rückfall erneute Einweisung in eine Klinik veranlassen.

Fotoquelle: ©polina zimmermann/pexels.com